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KI-Nutzung

700 Millionen Menschen, eine KI. Wie die Welt ChatGPT wirklich nutzt

Christina Pletowski4. Mai3 Min. Lesezeit
ChatGPT – Quick Facts
ChatGPT – Quick Facts. Illustration erstellt mit Claude (Anthropic).

Ein wegweisendes wirtschaftswissenschaftliches Paper von OpenAI, Duke und Harvard (2025) analysiert über eine Million echte Gespräche und enthüllt eine überraschende Wahrheit: ChatGPT ist längst kein reines Arbeitswerkzeug mehr.

Was machen Menschen eigentlich mit einer KI? Trotz der explosionsartigen Verbreitung großer Sprachmodelle blieb diese scheinbar einfache Frage jahrelang erstaunlich unbeantwortet. Eine Studie von Forschenden bei OpenAI sowie den Universitäten Duke und Harvard schließt diese Lücke, mit Zugang zu echten Gesprächsdaten, einer strengen Datenschutzmethodik und der Präzision der Wirtschaftswissenschaft.

„For a new technology, this speed of global diffusion has no precedent."

Befund 1: Arbeit oder Freizeit? Überwiegend Freizeit.

ChatGPT Statistiken
ChatGPT Statistiken. Illustration erstellt mit Claude (Anthropic).

Das vielleicht auffälligste Ergebnis: Der Großteil der ChatGPT-Nutzung hat nichts mit bezahlter Arbeit zu tun. Im Juni 2024 waren 47 Prozent der Nachrichten arbeitsbezogen. Bis Juni 2025 sank dieser Anteil auf nur noch 27 Prozent. Fast drei Viertel aller Gespräche sind heute privater Natur.

Dieser Wandel wird nicht durch neue Nutzergruppen angetrieben. Er vollzieht sich innerhalb jedes bestehenden Segments. Selbst die allerersten ChatGPT-Nutzer aus dem Jahr 2023 verwenden das Tool heute häufiger für persönliche Zwecke als früher.

Befund 2: Was sind die häufigsten Gesprächsthemen?

Fast 80 Prozent aller Gespräche entfallen auf drei Kategorien: praktische Ratschläge, Informationssuche und Schreiben. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Programmieren und emotionale Unterstützung spielen eine weit geringere Rolle als gemeinhin angenommen.

Häufigste Gesprächsthemen
Häufigste Gesprächsthemen. Illustration erstellt mit Claude (Anthropic).

Computerprogrammierung macht lediglich 4,2 Prozent aller Nachrichten aus, im Vergleich zu 33 Prozent bei Claude-Nutzenden. Die unterschiedlichen Nutzerbasen der Plattformen spiegeln sich deutlich in den Nutzungsmustern wider. Therapie- oder Begleitgespräche machen gerade einmal 1,9 Prozent aller Nachrichten aus.

Befund 3: Schreiben dominiert im Beruf

Unter den beruflichen Nutzenden ist Schreiben die Königsdisziplin. Vollständige 40 Prozent aller arbeitsbezogenen Nachrichten fallen in die Kategorie Schreiben, mit Abstand der häufigste professionelle Anwendungsfall. Und entscheidend: Zwei Drittel dieser Schreibanfragen sind keine kreative Texterstellung, sondern Textbearbeitung, also Überarbeitungen, Zusammenfassungen und Übersetzungen von bereits vorhandenem Material.

„ChatGPT is less a creation machine than an editing machine, a tireless copy editor available to everyone."

Für Nutzende in Management- und kaufmännischen Berufen ist der Anteil noch höher: 52 Prozent ihrer arbeitsbezogenen Anfragen betreffen Schreibaufgaben. Fachkräfte aus Bildung und Gesundheitswesen folgen dicht dahinter.

Befund 4: Fragen oder Handeln?

Die Studie führt eine neue Taxonomie ein:

  • Fragen (49 Prozent): Informationen suchen, Ratschläge einholen, Entscheidungsunterstützung.
  • Handeln (40 Prozent): Aufgaben erledigen, die ein direktes Ergebnis erzeugen.
  • Ausdrücken (11 Prozent): Gefühle oder Gedanken teilen ohne klares Ziel.

Bei arbeitsbezogenen Nachrichten verschiebt sich das Gleichgewicht: Handeln dominiert mit 56 Prozent. Doch hier liegt das aufschlussreiche Detail: Fragebasierte Nachrichten wachsen schneller als handlungsorientierte und erhalten konsistent bessere Qualitätsbewertungen, sowohl von automatisierten Klassifikatoren als auch von Nutzenden selbst. Die KI als Beraterin, nicht nur als Ausführende.

Wer nutzt ChatGPT, und wie?

Geschlecht. Anfang 2023 trugen rund 80 Prozent der aktiven Nutzenden typisch männliche Vornamen. Bis Juni 2025 hat sich das umgekehrt, Nutzende haben nun leicht häufiger typisch weibliche Namen. Die Geschlechterlücke hat sich dramatisch geschlossen.

Alter. Fast die Hälfte aller Nachrichten stammt von Nutzenden unter 26 Jahren. Ältere Nutzende sind jedoch stärker beruflich orientiert: Die Gruppe der 36- bis 45-Jährigen sendet zu 31,4 Prozent arbeitsbezogene Nachrichten, verglichen mit nur 22,5 Prozent bei den 18- bis 25-Jährigen.

Bildung. Höher gebildete Nutzende greifen deutlich häufiger beruflich auf ChatGPT zurück. Nutzende ohne Bachelorabschluss senden 37 Prozent arbeitsbezogene Nachrichten, solche mit weiterführenden Abschlüssen 48 Prozent. Die Nutzung für Schreibaufgaben steigt konsistent mit dem Bildungsniveau.

Geografie. Das Wachstum in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, mit einem BIP pro Kopf zwischen 10.000 und 40.000 US-Dollar, hat das wohlhabender Nationen deutlich übertroffen. Die Expansion von ChatGPT ist genuin global, mit besonderem Schwung in aufstrebenden Volkswirtschaften.

Befund 5: Der Beruf prägt die Nutzung mehr als alles andere

Hochqualifizierte Fachkräfte nutzen ChatGPT anders als alle übrigen. Beschäftigte in computernahen Berufen senden zu 57 Prozent arbeitsbezogene Nachrichten, in Management und Wirtschaft zu 50 Prozent. Nicht-akademische Berufe kommen auf lediglich 40 Prozent.

Noch aufschlussreicher: Über alle Berufsgruppen hinweg sind die häufigsten Arbeitstätigkeiten nahezu identisch. Entscheidungen treffen, Informationen dokumentieren und kreativ denken stehen überall an der Spitze, von Rechtsabteilungen bis zu Krankenstationen. ChatGPT ist zu einem Allzweckwerkzeug für kognitive Arbeit geworden, unabhängig von der Berufsbezeichnung.

Die Zusammenfassung basiert auf der Studie „How People Use ChatGPT" von Chatterji et al. (OpenAI, Duke University, Harvard University, 2025).