Ausgabe 4/2026

Kurzmeldungen
Diese Ausgabe bündelt aktuelle Zahlen zur Verbreitung von KI, zur Datenschutzbilanz nach zehn Jahren DS-GVO, zu Veränderungen am Arbeitsplatz und zu neuen Entwicklungen im Gesundheitswesen.
Laut der Anfang Juni 2026 veröffentlichten ifo-Konjunkturumfrage setzen inzwischen 54,5 Prozent der deutschen Unternehmen KI in ihren Geschäftsprozessen ein, nach 40,9 Prozent ein Jahr zuvor. Im Dienstleistungssektor liegt der Wert bei 56,2 Prozent. Schwerpunkte sind Verwaltung, Datenanalyse, Schriftverkehr und Informationsrecherche. Damit setzt sich der in Briefing 6/2025 mit 36 Prozent berichtete Aufwärtstrend der KI-Nutzung fort.
Quelle: ifo-Konjunkturumfrage, Juni 2026.
Bitkom hat am 7. Mai 2026 gemeinsam mit dem Forschungsnetzwerk AI Grid den Leitfaden „Trustworthy & Responsible AI“ veröffentlicht. Er zeigt entlang des gesamten KI-Lebenszyklus, wie sich Vertrauenswürdigkeit in den Bereichen Sicherheit, Erklärbarkeit und Fairness praktisch umsetzen lässt. Kernbotschaft ist, dass Vertrauen kein Produktmerkmal ist, sondern das Ergebnis fortlaufender Governance mit klaren Rollen, Kontrollen und Eskalationswegen. Das vertieft die in den Briefings 3/2025 und 4/2025 angesprochene Bedeutung nachvollziehbarer KI.
Quelle: Bitkom & AI Grid, Leitfaden „Trustworthy & Responsible AI“, Mai 2026.
Die Nutzung von KI ist in der Breite der Wirtschaft angekommen. Der Unterschied entsteht nicht mehr durch das Ob, sondern durch belastbare Governance. Wer Rollen, Kontrollen und Nachweise früh definiert, macht Vertrauenswürdigkeit überprüfbar statt behauptbar.
KI und Gesellschaft
Anlässlich von zehn Jahren Datenschutz-Grundverordnung hat Bitkom im Mai 2026 eine Bilanz unter 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten veröffentlicht. Der Datenschutz ist in der Wirtschaft angekommen, sein Aufwand steigt jedoch Jahr für Jahr und gerät zunehmend in Spannung zu datengetriebenen Innovationen und KI.
Zentrale Ergebnisse: 71 Prozent der Unternehmen haben die DS-GVO weitgehend umgesetzt, 2018 waren es erst 7 Prozent. 97 Prozent bewerten den Datenschutzaufwand als hoch, davon 44 Prozent als sehr hoch. 81 Prozent sagen, die DS-GVO mache ihre Geschäftsprozesse komplizierter, 2016 waren es 25 Prozent. Sieben von zehn Unternehmen haben in den vergangenen zwölf Monaten Innovationsprojekte wegen Datenschutzvorgaben gestoppt oder gar nicht begonnen. 86 Prozent sagen, die Umsetzung sei nie vollständig abgeschlossen.
Quelle: Bitkom, Bilanz zu zehn Jahren DS-GVO, Mai 2026.
Der Befund zeigt ein Spannungsfeld. Datenschutz ist Voraussetzung für Vertrauen, bindet aber Ressourcen. Wer KI einführt, sollte den Datenschutz früh einbinden, statt ihn nachzulagern. Das knüpft an den in Briefing 5/2025 vorgestellten Bitkom-Praxisleitfaden zu KI und Datenschutz sowie an den in Briefing 1/2026 beschriebenen Befund des vzbv an, wonach klare Datenschutzregeln zum Vertrauens- und Wettbewerbsfaktor werden.
Nach der vorläufigen Einigung von Rat und Parlament am 7. Mai 2026 hat das Europäische Parlament am 16. Juni 2026 dem „Digital Omnibus on AI“ zugestimmt. Damit werden Teile der KI-Verordnung vereinfacht und mehrere Fristen verschoben.
Zentrale Punkte: Die Neufassung von Artikel 4 stellt klar, dass Unternehmen angemessene Maßnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz ergreifen müssen. Ein bestimmtes individuelles Kompetenzniveau muss ausdrücklich nicht mehr garantiert werden. Für Unternehmen ohne Hochrisiko-KI bringt das Paket vor allem Vereinfachung und mehr Zeit. Die zum 2. August 2026 vorgesehenen Pflichten für eigenständige Hochrisiko-KI gelten erst ab dem 2. Dezember 2027. Die förmliche Annahme durch den Rat und die Veröffentlichung im Amtsblatt stehen noch aus.
Quelle: Digital Omnibus on AI, Zustimmung des Europäischen Parlaments, 16. Juni 2026.
Die abgeschwächte Kompetenzpflicht senkt die formale Hürde, nicht den betrieblichen Bedarf. Wer bereits geschult hat, erfüllt weiterhin mehr als gefordert. Für die Einstufung eigener und zugekaufter KI bleibt Transparenz der entscheidende Hebel, unabhängig von den verschobenen Hochrisiko-Fristen.
KI und Arbeit
Der am 14. Juni 2026 veröffentlichte HR-Monitor 2026 von McKinsey (6.800 Befragte aus zehn Ländern, darunter 5.500 Beschäftigte) zeigt in Deutschland einen deutlichen Anstieg der KI-Nutzung bei zugleich rückläufigen Weiterbildungsinvestitionen.
Zentrale Ergebnisse: Die regelmäßige Nutzung von KI-Werkzeugen ist von 19 auf 38 Prozent gestiegen, die tägliche Nutzung von 7 auf 16 Prozent. Die Weiterbildungsausgaben je Beschäftigtem gingen von 1.579 Euro (2025) auf 1.204 Euro (2026) zurück, einer der stärksten Rückgänge in Europa. Nur rund 28 Prozent der Unternehmen in Deutschland bieten formale KI-Schulungen an.
Quelle: McKinsey, HR-Monitor 2026, Juni 2026.
Nutzung wächst schneller als Kompetenz, und genau in dieser Lücke entsteht Risiko. Unternehmen, die gezielt in rollenspezifische Schulungen und kurze Updates zu neuen Werkzeugen investieren, sichern ab, dass die wachsende Nutzung sicher und qualitätsbewusst erfolgt. Das schließt an den in Briefing 4/2025 berichteten Anstieg der Fortbildungsbereitschaft (EY KI-Barometer) an.
Zwei aktuelle Studien beleuchten, wie sich der Einsatz von KI auf Fähigkeiten und Selbsteinschätzung auswirkt. Eine im Juni 2026 aktualisierte, randomisierte Untersuchung der University of Minnesota Law School prüfte mit rund 100 Jurastudierenden die Wirkung von KI auf juristisches Arbeiten. Eine in Computers in Human Behavior veröffentlichte Studie untersuchte in zwei Erhebungen mit 246 und 452 Personen die Selbsteinschätzung bei logischen Aufgaben.
Zentrale Ergebnisse: Mit KI erstellte Arbeiten waren stärker und entstanden schneller. In der zweiten Studie verbesserte sich die Leistung um rund drei Punkte, die Teilnehmenden überschätzten sich jedoch um rund vier Punkte. Höhere KI-Kompetenz ging mit einer geringeren Treffsicherheit der Selbsteinschätzung einher. Beim Überarbeiten mit KI verbesserten sich schwächere Arbeiten, während stärkere nachließen. Übermäßiges Vertrauen in KI kann die kritische Prüfung schwächen, gerade wenn Ergebnisse flüssig und überzeugend wirken.
Quelle: Computers in Human Behavior; University of Minnesota Law School, Juni 2026.
KI hebt die Ergebnisqualität, verzerrt aber die Selbsteinschätzung. Wo Sorgfalt und Nachvollziehbarkeit zählen, sollte KI gezielt entlasten, ohne die fachliche Prüfung zu ersetzen. Sinnvoll sind klare Vorgaben zum Einsatz, eine bewusste Letztkontrolle durch erfahrene Mitarbeitende und das Bewusstsein, dass auch überzeugende KI-Ergebnisse fehlerhaft sein können. Das vertieft den in Briefing 7/2025 berichteten Befund der TU Berlin zur Schwäche menschlicher Aufsicht.
KI und Healthcare
Die im Mai 2026 veröffentlichte Studie „From Buzz to Blind Spots“ der Macromedia University, gemeinsam mit der INNO3 GmbH, hat Führungskräfte aus 25 gesetzlichen Krankenkassen befragt, die rund zwei Drittel der Versicherten repräsentieren. Sie zeigt eine deutliche Lücke zwischen strategischem Anspruch und konkreter Umsetzung.
Zentrale Ergebnisse: Über 90 Prozent der Befragten halten KI für strategisch entscheidend. Nur sechs der untersuchten Kassen verfolgen konkrete KI-Projekte mit messbaren Erfolgskennzahlen. Im Vordergrund stehen Kundenservice mit 92 Prozent und Bedarfsprognosen mit 77 Prozent, während das Controlling mit 33 Prozent das Schlusslicht bildet. Die Fähigkeit, KI-Wissen praktisch in Lösungen zu übersetzen, wird nur mit 2,85 von 5 bewertet, während die Beobachtung von KI-Trends mit 3,67 deutlich besser abschneidet.
Quelle: Macromedia University & INNO3, „From Buzz to Blind Spots“, Mai 2026.
Zwischen strategischem Anspruch und Umsetzung klafft eine Lücke. Der eigentliche Hebel ist nicht das Erkennen von Trends, sondern die Fähigkeit, KI-Wissen in geprüfte, anwendbare Lösungen zu übersetzen und Mitarbeitende zu befähigen.
Eine Anfang Mai 2026 in Nature Health veröffentlichte Studie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Reis et al.) zeigt, dass Menschen ihre Symptome einer KI knapper und weniger aussagekräftig schildern als menschlichem Fachpersonal. In dem Experiment beschrieben 500 Teilnehmende simulierte Beschwerden.
Zentrale Ergebnisse: Die Beschreibungen gegenüber Fachkräften umfassten im Schnitt 255,6 Zeichen, gegenüber Chatbots nur 228,7 Zeichen. Die geringere Informationsqualität kann die Zuverlässigkeit digitaler Ersteinschätzungen und die Patientensicherheit beeinträchtigen. Konkrete Beispiele für gute Symptomberichte und aktives Nachfragen nach fehlenden Angaben verbessern die Qualität deutlich.
Quelle: Nature Health, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Reis et al., Mai 2026.
Wird KI in der patientennahen Kommunikation eingesetzt, entscheidet die Gestaltung über die Qualität. Eingabemasken sollten aktiv nach den nötigen Angaben fragen und bei unklaren oder unvollständigen Eingaben an Mitarbeitende übergeben. Das ergänzt den in Briefing 1/2026 berichteten Bitkom-Befund zur wachsenden Nutzung von Medizin-Chatbots.